HUTCHISON hebt hervör, daß Jugend- und Altersform dieser Art sehr
unterschiedlich sind und daß es daher wesentlich ist, beide besonders zu
beschreiben, wie er es tut. BACKEBERG, der darüber keine eigene
Felderfahrung hatte, hat dies nicht genügend beachtet, und erklärt in seinem
Kakteen-Lexikon, daß verschiedenartige Pflanzen unter diesem Namen gehen und
daß es noch nicht geklärt sei, welche als Typus angesehen werden soll und
welche als Varietät öder als nahestehende Art. Die Formen vön COPIAPOA
HUMILIS, deren Verbreitung nach meinen Feststellungen mit Unterbrechung von
PAPOSO bis BLANCO ENCALADA reicht, zeigen aber keine besonderen regionalen
Varietäten, sondern nur eine größere Variationsbreite in Körper und
Bestachlung, namentlich hinsichtlich ihres Altersstadiums, so daß keine
Varietät aufzustellen ist. BACKEBERG kam überdies zu keinem Verständnis
dieser Art, da er mit ihr zwei andere COPIAPOA-Arten vermengte: TALTALENSIS
und PAPOSOENSIS.
Die Originalbeschreibung von PHILIPPI bezieht sich etwa auf das
Übergangsstadium der Jugend- zur Altersform. Wichtig ist seine genaue Angabe
des Typusortes:
"Bei PAPOSO im Gesteinsschutt am Fuß der Küstenberge“, womit diese Art
eindeutig festgelegt ist, denn es gibt dort keine andere Kakteenart, auf
welche seine Beschreibung zuträfe. Die folgende Beschreibung gebe ich nach
eigenen Aufzeichnungen:
Körper freiwillig nicht oder wenig sprossend,
bei der in Natur häufigen
Köpfung durch Weidetiere stark sprossend; ziemlich weichfleischig; Köpfe
flach bis kuglig, 3 - 9 cm Durchmesser, olivgrün, bei Besonnung gebräunt, in
Schattenlage schwärlichgrün; sehr lange dicke weiche Wurzelrübe mit
verengtem Hals; Scheitel vertieft, meist mit wenigem weißem oder hellgrauem
Filz. Rippen 10 - 14, meist 13, in der Jugend und meist auch im Beginn des
Blühalters völlig in Höcker aufgelöst, meist gedreht, 5 - 15 mm hoch, auch im
Alter ziemlich tief gekerbt; Höcker meist kegelförmig, unter den Areolen
rund oder etwas schärfer gekinnt, Trennfurchen auch im Alter stärker
geschlängelt. Areolen auf der Spitze der Höcker, nicht hinabreichend, rund
bis oval, 2 - 4 mm Durchmesser, meist 8 - 15 mm freie Entfernung, weißfilzig,
später grau. Stacheln bei jungen Köpfen weiß bis gelbbräunlich, fein
nadelförmig, Randstacheln ca 10, anliegend, 2 - 5 mm lang, Mittelstacheln
fehlend oder einer, ca 1 cm lang; im Blühalter Stacheln schwarz bis
dunkelbraun, vergrauend, nadelförmig, Randstacheln 7 - 13, 8 - 25 mm lang, etwas
abstehend, meist etwas gebogen, Mittelstacheln 1-3 (-4), wenig stärker,
10 - 35 mm lang, gerade oder verbogen.
Blüte 3 - 4 cm lang, mit starkem COPIAPOA-Blüte-Duft. Rö. 15 - 20 mm lang. Nektarkammer ca 4 mm hoch. Innere Blüte-Teile hellgelb, mit Ausnahme der
goldgelhen Beutel und fast dottergelben Narbe. Filamente fast parallel
stehend, untere ca 20 mm lang, obere ca 12 mm, Insertionen nach oben
spärlicher. Griffel ca 3 cm lang, die ca 10 Narbenäste überragen die Beutel.
Petalen ca 17 mm lang, 5 - 7 mm breit, oben gerundet bis zugespitzt, die
äußeren mit rosa Mitteistreif.
Frucht rundlich, ca 8 mm Durchmesser, grün bis rot, haarlos und schuppenlos
oder mit 1-3 mm langen Schuppen am Napfrand.
Samen ca 1,4 mm lang, 1,2 mm breit, 0,6 mm dick, dorsal stark gewölbt,
gekielt, ventral ohne Kerbe, auf beiden Flanken mit Eindellung; Testa
schwarz, glänzend, sehr fein flach gehöckert; Hilum ventral, weiß, oval, mit
eingeschlossener Mikropyle.
HUTCHISON fand bei PAPOSO, daß ca 90% aller Exemplare Jugendformen waren,
meist auf alten Wurzelrüben. Er stellte lange Erörterungen darüber an, um
solches zu erklären und meint, daß, wenn der oberirdische Körper schließlich
mal abstirbt, die Wurzelrübe am Leben bleibe und neu austreibe und daß
derart der unterirdische Teil viele Generationen der oberirdischen
ausgereiften Körper überdauere.
Die Erklärung ist jedoch viel einfacher. PAPOSO ist eine besiedelte Gegend,
wo Esel und Ziegen weiden. Diese fressen aus Nahrungsmangel die jungen
Triebe trotz der feinen Stachelchen, die sie tragen, oder wenn die
starkstachligen großen Köpfe mit dünnem Hals im Wachsen sind, fressen sie
den Scheitel, der noch keine stechenden Stacheln hat, heraus, wobei diese
Köpfe gewöhnlich von der Rübe abbrechen. Die Rübe treibt neue Triebe, die
meist immer wieder abgeweidet werden, ehe sie ins Blühalter gelangen. Derart
sind ca 90% der Köpfe noch nicht blühbar, meist auf alten Wurzelrüben. Es
wird übrigens dadurch auch verständlich, daß in besonders dürren Jahren
viele Ziegen an solchem Stachelzeug krepieren, ohne verhungert zu sein, Dort
wo diese Art in einer unbesiedelten Gegend wächst, findet man ganz
vorwiegend alte Pflanzen und viele von ihnen ohne Sprossung. Es gibt ja eine
große Zahl Kakteenarten, wo es ebenso ist.
Die Übertäter sind in Chile entweder Haustiere oder Guanacos (siehe z. B.
bei THELOCEPHALA NUDA, THELOCEPHALA ODIERI, PYRRHOCACTUS VEXATUS und
PYRRHOCACTUS RESIDUUS). Nr . FR 464. Abb. 983/985. Die drei Fotos zeigen
Exemplare verschiedenen Aussehens im Blühalter, wie sie in Übergängen in
einander an den gleichen Fundstellen wachsen.
Außerdem gehören bei BACKEBERG hierher in Bd. 3 Abb. 1845 bis 1847 sowie
Tafel 147 rechts, in Bd. 6 Abb. 3465 und 3467, letztere beschriftet als
"COPIAPOA TALTALENSIS WERD.“, und im Kakt.-Lex. Abb. 69. Jedoch gehört Abb.
3466 in BACKEBERG, Bd. 6, beschriftet als "COP. HUMILIS (PHIL.) HUTCH.“
nicht hierher, sondern ist "COPIAPOA PAPOSOENSIS RITTER“, wenn auch als
Kulturzüchtung geringer bestachelt als das Exemplar meines Foto dieser Art
vom Standort.
Dazu ist noch Folgendes auszuführen: BACKEBERG gibt in Bd. 6, S. 3829 eine
Beschreibung von Importpflanzen der COPIAPOA HUMILIS. Dann fährt er fort:
"Diese Art steht, mit weit dunkleren Sämlingspflanzen, bei dem Züchter
SAINT-PIE, Asson (Frankreich), unter der RITTER-Nr. FR 526 "COPIAPOA
TALTALENSIS‘. Dies muß ein Irrtum sein (wie auch RITTERs COPIAPOA HUMILIS).
Das heißt also: die RITTER-Nr. für COPIAPOA HUMILIS muß richtig lauten -
wenigstens nach dem Bestand bei SAINT-PIE : FR 526.“ Danach gibt BACKEBERG
von dem, was er als "COPIAPOA TALTALENSIS WERD.“ ansieht, folgende
Beschreibung: "Diese ähnliche Pflanze, in der Kultur noch dunkler,...“
(folgt eine Beschreibung. in welcher BACKEBERG Angaben von WERD, für
COPIAPOA TALTALENSIS und Merkmale von Sämlingen von FR 464, also von
COPIAPOA HUMILIS, in eins verarbeitet).. . ."Die Blüte sind gelb und haben
lanzett1ich " (im Original gesperrt) "zugespitzte Perigonblätter.
Diese Pflanzen stehen bei SAINT-PIE unter der RITTER-Nr. FR 464 (als
COPIAPOA HUMILIS), so daß sich diese Nr. (vorausgesetzt, daß die Etiketten
nicht vertauscht wurden) für COPIAPOA TALTALENSIS versteht. Um jeden Irrtum
auszuschließen, nahm ich beide Arten, COPIAPOA HUMILIS und COPIAPOA
TALTALENSIS, bei SAINT-PIE in Blüte auf und gebe sie so hier wieder...“
BACKEBERG gibt aber nur die Nr. FR 464, die er nun als COPIAPOA TALTALENSIS
(statt COPIAPOA HUMILIS, was sie ist) bezeichnet, aus der Sammlung SAINT-PIE
wieder, dagegen die Nr. FR 526, die er nun als COPIAPOA HUMILIS bezeichnet,
nicht aus dieser Sammlung, wie er im Text angibt, wieder, sondern als "Foto
A.M. WOUTERS“, also des Kakteenzüchters in Holland.
Dies letztere Bild, in seinem 6. Bd. also als "COPIAPOA HUMILIS“ ausgegeben,
bringt er aber in seinem Kakt.-Lex. nochmals (Abb. 70), und zwar mit der
Beschriftung: "COPIAPOA LONGISPINA RITT?“ (was sie keineswegs ist), ohne
darauf zu verweisen, daß sie für ihn in Bd.6 COPIAPOA HUMILIS war und daß
sie in den Sammlungen unter COPIAPOA TALTALENSIS und Nr. FR 526 steht.
Das Haupt-Charakteristikum für eine Umstellung meiner FR-Nummern war für
BACKEBERG offenbar das Merkmal zugespitzte Petalen; da aber WERDERMANN, in
seiner Originalpublikation nichts davon erwähnt und auch Pflanzen von
WERDERMANNs Typusort nirgends in Europa existiert haben dürften, wie sich
BACKEBERG auch auf keine solchen berufen kann, so sind die zugespitzten
Petalen für COPIAPOA TALTALENSIS eine durch nichts bewiesene Behauptung
BACKEBERGs, Dagegen sagt er unter "COPIAPOA HUMILIS":
"die Perigonblätter sind nach HUTCHISONs Zeichnung...oben gerundet. "
(Letzteres Wort ebenfalls im Original gesperrt.) Aber es handelt sich nach
meinen Feststellungen um ein variables Merkmal; die Petalen können ebensogut
oben gerundet wie zugespitzt sein, wie meine eigenen Fotos vom Typusort
zeigen.
Same von COPIAPOA HUMILIS Nr. FR 464 wurde, von mir übersandt, von der Firma
H. WINTER zweimal angeboten, in den Katalogen 1957 und 1958 (gleiche Ernte)
und 1961 und 1962 (einer späteren Ernte). Same von Nr. FR 527 COPIAPOA
CHANIARALENSIS 1957 und 1958 unter dieser Nr. und diesem Namen. In den
gleichen Katalogen 1957/1958 wurde Same angeboten unter Nr. FR 526 als
COPIAPOA TALTALENSIS. Diesen letzteren Samen hatte ich jedoch gesammelt von
der COPIAPOA PAPOSOENSIS RITT, an derem Typusort; ich hatte damals aus
Mangel an Vergleichsmaterial und aufgrund der sehr mangelhaften Beschreibung
der COPIAPOA TALTALENSIS durch WERD, noch nicht die Kenntnis, daß es sich
hier um eine neue Art handelte, sondern hatte sie als zu COPIAPOA
TALTALENSIS gehörig angenommen, mit der Nr. der letzteren FR 526; später
erhielt sie eine eigene Nr. FR 1148, und ich sandte Samen davon unter
letzterer Nr. im März 1963 an die Firma WINTER und unter dem inzwischen
dafür gemachten Namen COPIAPOA PAPOSOENSIS. Wie unter COPIAPOA
CHANIARALENSIS oben (S. 1064) bemerkt, hatte ich außerdem 1962 unter der Nr.
FR 526 Samen gesandt als ebenfalls "COPIAPOA TALTALENSIS“, der zu Nr. FR 527
COPIAPOA CHANIARALENSIS gehörte, weil ich zu jener Zeit diese beiden aus dem
gleichen Grund ebenfalls in eins gerechnet hatte. Dagegen ist von der echten
COPIAPOA TALTALENSIS (WERD.) LOOS. Nr. FR 526 nie Samen von mir gesammelt
worden, weil ich außer einigen Korn für meine Samen-Sammlung von dieser
Seltenheit keinen Samen fand.
Für die von BACKEBERG in Bd. 6 von 1962 aufgeführten dunkleren
Sämlingspflanzen aus Samen von Nr. FR 526 kommt also nur der Samen von
1957/1958 in Frage, also von COPIAPOA PAPOSOENSIS RITTER. Hierzu
stimmt auch das in Bd. 6, S. 3830 oben gebrachte Farbfoto von BACKEBERG,
beschriftet "COPIAPOA HUMILIS (PHIL.) HUTCH., aus RITTER‘schen Samen
angezogene Kulturpflanze. .... welche demnach, in Anbetracht von BACKEBERGs
Umbenennungen meiner FR-Nummern, nicht diese Art, sondern COPIAPOA
PAPOSOENSIS RITT, ist, auch wenn die Bestachlung entsprechend den
Kulturbedingüngen geringer ist als auf meinem Standortfoto dieser Art. Daß
dies Bild meine COPIAPOA PAPOSOENSIS ist, zeigen die genäherteren Höcker und
Areolen des rippigeren Körpers, die grasgrüne bis bläulichgrüne Farbe des
Körpers; auch die oben gerundeten Petalen sind in Übereinstimmung, denn
Blüten von 2 Pflanzen, die ich notierte, hatten gerundete Petalen.
Dagegen ist die darunter stehende Abb. 3467, beschriftet als "COPIAPOA
TALTALENSIS WERD.“, gezogen aus Samen Nr. FR 464, eine typische COPIAPOA
HUMILIS; das zeigen die völlig in kegelförmige Höcker aufgelösten Rippen,
die Bestachlung und der viel dunkler grüne Körper; die zugespitzten Petalen
des Bildes haben ganz die Form eines meiner Farbbilder dieser Art. Es stimmt
ferner dazu, daß BACKEBERG zu dieser von ihm zu Unrecht als "COPIAPOA
TALTALENSIS FR 464“ umbenannten Art schreibt, wie ich oben angab: "in der
Kultur noch dunkler“ (als die damals unter FR 526 gestellte Art, die, wie
angegeben, COPIAPOA PAPOSOENSIS ist) . Im übrigen hängt die Stärke des
Dunkeltones sehr von der Stärke der Lichteinstrahlung ab, aber nie ist die
Farbe so grün wie die des Farbbildes 3466, sondern immer immer olivgrün,
braunlichgrün oder schwarzgrün. Dadurch wird verständlich, daß er, wie
angegeben, auf S. 3829 die in Kultur gezüchteten Sämlingspflanzen dieser FR
526 (also der fälschlich als COPIAPOA HUMILIS ausgegebenen COPIAPOA
PAPOSOENSIS) im Vergleich zu den Importen der COPIAPOA HUMILIS als "weit
dunkler“ angibt; sie waren eben schattiger gewachsen als in Natur, bei
gleicher Belichtung werden sie heller grün.