Copiapoa - Living on the Edge
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Kakteen in Südamerika

Friedrich Ritter

Band 3: Chile

GENUS COPIAPOA BRITTON & ROSE 1922

COPIAPOA ist eine durch ihre Sonderstellung eigentümliche Kakteengattung, für welche ein Anschluß an eine der bekannten Entwicklungslinien der Kakteen bis heute nicht ersichtlich ist. Es sind einzelne oder Sproßhaufen bildende Kugelformen. Junge Sämlinge sind gehöckert und rippenlos; früher oder später bilden sich zumeist gekerbte oder auch ungekerbte Rippen, die meist sehr stumpf, bei wenigen Arten mit entfernten Areolen etwas scharfkantig sind; zuweilen bleiben Exemplare mancher Ärten auch im Blühalter rippenlos. Der Scheitel bildet im Blühalter eine Filzkappe, aus welcher die Blüte hervorkommen. 

Die Wurzeln sind faserig bis rübig mit oder ohne verengtem Wurzelhals. Eigentümlich für eine Anzahl Arten ist weißer abwischbarer Reif als Sonnenschutz, der sich in Kultur oft nicht oder nur schwach entwickelt. 

Die stark befilzten Areolen finden sich entweder oben auf den Höckern oder greifen auf die Abdachung derselben gegen die Kerben darunter über, oft bis auf deren Grund. Selten tragen die Höcker unter den Areolen stumpfe bis spitze Kinne; aber auch in diesem Fall reichen die Areolen nicht auf die obere Abdachung der Höcker hinab. Die Stacheln sind fein nadelförmig bis dick pfriemlich. gerade bis stark gebogen, nie hakig. Ein oder mehrere Mittelstacheln sind in der Regel entwickelt, selten sind sie zahlreicher als die Randstacheln; zuweilen sind Exemplare bei wenigen Arten stachellos. 

Die sehr kurzen Blüte sind vorzugsweise hellgelb, außen meist mit Purpurrot; selten überwiegt auch bei den inneren Petalen die Purpurfärbung über die Gelbfärbung, selten fehlt die Rotfärbung bei den äußeren Petalen . der Ovarium ist rundlich-eckig und fast immer haarlos. Bei der Untergattung PILOCOPIAPOA ist die Blüte außen von einem dichten Mantel von Filz bedeckt von der Art des Scheitelfilzes. Sonst werden nur bei den sehr weit nördlich wachsenden COPIAPOA TOCOPILLANA und COPIAPOA TENUISSIMA oft kleinere weiße Wollflöckchen in den Schuppenachseln des Ovarium gefunden. Borsten an den Blüte fehlen stets. Die Receptaculum ist kurz und weit trichterig, nie am Ende eingezogen. Eine Nektarkammer ist immer entwickelt, kurz, tubisch, an ihrem Ausgang ist die Wand meist etwas nach innen verdickt; gewöhnlich ist die Kammer durch die mehrreihigen basalen Staubblätter oben abgedeckt. Filamente und Griffel sind immer blaßgelb, die Staubbeutel blaßgelb bis goldgelb und ziemlich verteilt, meist etwas tiefer stehend als die gelben Narbenäste. Die Insertionen der Stamina gehen (im Gegensatz zur Gattungsgruppe um PYRRHOCACTUS) bis oder fast bis zum Ansatz [Seite 1045] der Petalen . Diese sind meist spatelförmig, in Trichterstellung oder häufiger radförmig ausgebreitet, soweit nicht Stacheln behindern. Bei der Untergattung PILOCOPIAPOA sind die Ovarium -Schuppen ziemlich gleichmäßig verteilt, lang und schmal. Dies wird als die ursprüngliche Ausbildung anzusehen sein. Bei den anderen Arten, die alle zur Untergattung COPIAPOA gehören, sind die Schuppen im wesentlichen auf den oberen Rand des Ovarium beschränkt und sind zumeist relativ größer, schmal dreieckig, grün bis rot, unterhalb sind meist nur wenige kleinere Schuppen oder sie fehlen. Manchmal ist der Ovarium ganz schuppenlos bei Arten, bei denen zumeist einige wenige Schuppen am Ovarium-Rand ausgebildet zu sein pflegen. Die Frucht ist bedeckt wie der Ovarium. Alle COPIAPOA-Früchte sind Ameisenfrüchte, bei denen die Samenstränge bei der Reife aufzuweichen pflegen und durch ihre Süße Ameisen anlocken. Nie öffnen sich die Frucht am Boden oder seitlich, sondern stets oben, und zwar dadurch, daß durch Quellung der reifen Samenstränge der weite, aber wenig dicke kreisrunde Deckel der Frucht nach oben herausgepreßt wird, nachdem das obere Ende der Frucht gering aus dem Wollscheitel herausgewachsen ist. Danach kann die Frucht zuweilen von der oberen Öffnung aus beim Eintrocknen in Lappen seitlich etwas aufreißen, und die Lappen können sich nach außen krempeln, derart die Samen den Ameisen besser präsentierend; der welke Blütenrest über der Frucht löst sich leicht vom Deckel ab. P.C. HUTCHISON gibt (Cact. Succ. Journ., USA, 1953, S. 71) eine nicht zutreffende Darstellung des Vorganges der Samenverbreitung, indem er erklärt, die Frucht platze dadurch auf, daß der Deckel eher eintrockne als die Wand, der Inhalt trockne dann aus, verbreite sich über der Wolle und würde vom Wind verweht. 

Der Vorgang verläuft anders: Die Frucht platzt durch Quellung der Samenstränge auf, wenn sie noch ganz frisch ist. Die Ameisen sind die alleinigen Verbreiter der Samen; gelegentlich findet man Früchte oder eine ganze Pflanzenstrecke, wo nach dem Aufplatzen der Früchte keine Ameisen sich eingestellt hatten; dann trocknen alle Frucht, nachdem sie sich oben geöffnet hatten, im Scheitel ein, und die Samen bleiben in ihnen stecken, ohne sich zu verbreiten. Einzelne Samen, die man zuweilen auf dem Wollscheitel sieht, sind während dem Abtransport durch die Ameisen dort verloren worden, ebenso wie natürlich auch viele Samen beim Ameisentransport in der Umgebung liegen bleiben, so daß für Fortpflanzung gesorgt ist. Die Wand der Frucht ist relativ dick und nicht hyalin; die Konsistenz der Wand ist anders als bei der Gruppe um PYRRHOCACTUS, außen ist sie meist grün, zuweilen purpurn, zumal der aus dem Filz herausragende Teil. 

Die Samen sind schwarz und fein gehöckert, meist ist die Höckerung sehr abgeflacht, und schließlich können die Samen ganz glatt sein; im Grad, wie die Höckerung ausflacht, werden die Samen glänzend. Es ist möglich, daß der glatte Zustand der Testa der primäre ist und der gehöckerte sekundär (die ursprünglichsten Kakteen wie PEIRESKIA und MAIHUENIA haben glatte Samen; auch die ursprünglichsten Arten der altertümlichsten Cereengattung EULYCHNIA haben fast glatte Samen). Dorsal sind die Samen immer stärker gewölbt und weniger oder stärker gekielt. Das Hilum ist oval, halb bis ganz ventralsits des basalen Samenendes, meist mit eingeschlossener kleiner Mikropyle; zuweilen kann die Mikropyle etwas getrennt vom Hilum sein, sogar manchmal innerhalb der Variationsbreite am gleichen Standort. Die Frucht zeigt keine nähere Verwandtschaft mit irgendeiner anderen Kakteenfrucht und läßt sich unmöglich von der ganz anderen PYRRHOCACTUS-Frucht ableiten, wie solches aus BUXBAUM‘s Schema zu folgern wäre, der (K.u.a.S. 1967, H. 2, S. 23) die Ableitung aufstellt: CORRYOCACTUS -> PYRRHOCACTUS -> ISLAYA -> PILOCOPIAPOA -> COPIAPOA. Für eine Ableitung der PILOCOPIAPOA (jetzt Untergattung von COPIAPOA) kennen wir keine Kakteengattung und überhaupt keinen Anschluß an einen bestimmten Entwicklungsast. 

Dabei ist noch beachtlich, daß COPIAPOA streng auf des küstennahe Gebiet des mittelnördlichen Chile beschränkt ist und die eigentliche Andenzone absolut meidet. Sie wächst nur in einem milderen Klima ohne schroffe klimatische Gegensätze und ohne oder fast ohne nächtliche Fröste. Es sind ausschließlich Gebiete mit gelegentlichen winterlichen Regen und mit sommerlicher Dürre und damit sehr fern dem Klima des angrenzenden Argentinien. Wir müssen annehmen, daß diese Gattung hier ureinheimisch ist, daß sie also von Gattungen abstammt, die in früheren geologischen Perioden die tieferen, milderen Zonen des nördlichen Chile besiedelten und daß keine nahe Verwandtschaft mit irgendeiner heute lebenden Kakteengattung besteht. COPIAPOA ist eine in Kultur willig gedeihende Gattung, die entgegen dem Klima ihrer Heimat auch auf sommerliche Wassergaben günstig reagiert. Die meisten Arten sind in Kultur blühwillig, und die Samen haben eine relativ gute Bereitschaft, unter gewöhnlichen Kulturbedingungen zu keimen.

Im Folgenden ordne ich die mir bekannt gewordenen 46 Arten COPIAPOA in 5 [Seite 1046] Gruppen vermutlich näherer Verwandtschaft, die ich als Sektionen 1 bis 5 bezeichne. Innerhalb dieser Sektionen führe ich die einzelnen Arten in der Reihenfolge ihrer Verbreitung von Süden nach Norden


1. Untergattung: PILOCOPIAPOA (RITTER) RITTER
=Sektion l (1 Art: SOLARIS). 

Körper hart, ohne Wurzelrübe. Rippen hoch, ungehöckert. Areolen über 1 cm Durchmesser . Ovarium gleichmäßig mit langen, sehr schmalen Schuppen versehen, in deren Achseln sehr dichter Filz den ganzen Ovarium bedeckt. Receptaculum höchstens 1/4 der Blütelänge, bedeckt wie Ovarium. Filamente kürzer. 

Hilum des Samen in einer Einbuchtung an der Ventralseite, oberhalb des basalen Endes


2. Untergattung: COPIAPOA (BR. & R.) RITTER

Körper weich bis hart, mit oder ohne Wurzelrübe. Rippen weniger hoch, selten ungehöckert, selten im Alter noch ganz in Höcker aufgelöst. Areolen weniger als 1 cm Durchmesser. 

Ovarium immer vorzugsweise am oberen Ende mit breiteren Schuppen, zuweilen dazu wenige kleinere Schuppen tiefer, zuweilen ganz schuppenlos. Schuppenachseln haarlos, selten mit sehr kleinen Haarbüscheln. Receptaculum länger als 1/2 der Blüte-länge, haarlos. Filamente länger. 

Hilum des Samen am basalen Ende halbventral oder ventral. 

Typus ECHINOCACTUS MARGINATUS SALM-DYCK 1845.


Sektion 2

Körper grasgrün oder kaum graugrün, zuweilen braun, nie bereift, hart, relativ groß. Rippen wenige. Stacheln pfriemlich.

Serie a, Südgruppe 

(4 Arten: CUPREA, DURA, MARGINATA, BRIDGESII).
Wurzeln nicht rübig oder sehr gering rübig.

Serie b, Nordgruppe 

(4 Arten: HORNILLOENSIS, DESERTORUM, RUPESTRIS, RUBRIFLORA). 
Wurzeln rübig, hart.


Sektion 3 

(9 Arten: LONGISPINA, CHANIARALENSIS, ESMERALDANA, TALTALENSIS, HUMILIS, PAPOSOENSIS, VARIISPINATA, TENUISSIMA, TOCOPILLANA).

Körper grasgrün bis graugrün bis schwarz, nicht oder sehr gering bereift, relativ klein, weichfleischig oder nicht sehr hartfleischig, mit starker Wurzelrübe mit verengtem Hals. Rippen immer gekerbt, nicht zahlreich. Stacheln nadelförmig, gerade oder wenig verbogen.


Sektion 4

(17 Arten: PENDULINA, COQUIMBANA, PSEUDOCOQUIMBANA, VALLENARENSIS, FIEDLERIANA. ALTICOSTATA, ECHINATA, MEGARHIZA, CALDERANA, CINERASCENS, HYPOGAEA, MOLLICULA, GRANDIFLORA, MONTANA, OLIVANA, RARISSIMA, BOLIVIANA). 

Körper grün bis graugrün, zuweilen weiß bereift, klein bis ziemlich groß, bei einigen Arten relativ sehr lang werdend, etwas weichfleischig oder nicht sehr hartfleischig, mit starker Wurzelrübe mit verengtem Hals. Zahl der Rippen mittel bis ziemlich hoch, Rippen mäßig gekerbt bis ungekerbt, zuweilen mit Kinn unter den Areolen . Stacheln dick nadelförmig oder dünn pfriemlich, selten fehlend.


Sektion 5

Körper groß, graugrün, oft weiß bereift, hart, ohne Wurzel rübe. Zahl der Rippen mittelgroß bis sehr groß, Rippen wenig gekerbt bis ungekerbt .

Serie a, Südgruppe

(2 Arten: CARRIZALENSIS, DEALBATA). Mittlere Zahl der Rippen . Areolen oval, ziemlich weit entfernt. Rippen-Trennfurchen stark geschlängelt. Samen gehöckert.

Serie b

(9 Arten: SERPENTISULCATA, COLUMNA-ALBA, LONGISTAMINEA, MELANOHYSTRIX, CINEREA, TENEBROSA, GIGANTEA, KRAINZIANA, EREMOPHILA).

Mittlere bis sehr hohe Zahl der Rippen Areolen rundlich, genäherter. Rippen­Trennfurchen gerade oder weniger als bei Serie a geschlängelt (bei COPIAPOA SERPENTISULCATA nur nahe der Öffnung der Furchen nach außen auch im Alter stark geschlängelt). Samen fast glatt.

Nachdem BR. & R. (Bd. 3, S. 85) ECHINOCACTUS MARGINATUS S.-D. als Typus der Gattung COPIAPOA ausersehen hatte, durfte BACKEBERG nicht 1959 (Bd. 3, S. 1897 ECHINOCACTUS CINEREUS PHIL. als Typus von COPIAPOA aufstellen.

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